Als Ludwig van Beethoven ratlos vor seinen Kompositiosentwürfen saß, soll er das wohltemperierte Klavier Johann Sebastian Bachs zu Hilfe genommen haben. Bach hat lange als Thomaskantor gewirkt und zieht bis heute nicht nur die Leipziger in seinem Bann. Wolfram Mager ist 1960 in der Pleißestadt geboren und aufgewachsen und nicht nur Bach, die Musik überhaupt, ist eine Leidenschaft seines Lebens. Sein großes Werk aber ist die Caritas, die er jetzt nach 41 Jahren hinter sich lässt.
Mager ist als Katholik "ein Kind der Diaspora", wie er sich ausdrückt. Er ist in der Gemeinde St. Georg zu Hause, im Leipziger Stadtteil Gohlis. Die Gemeinde ist ein wichtiger Punkt in seinem Leben, als Kind, als Jugendlicher, ein "Gegengewicht zu den gesellschaftlichen Erwartungen", denen Katholiken nicht entsprechen konnten. Die Gemeinden waren damals noch stärker als heute gewesen, erinnert er sich. "6000 Mitglieder, fünf volle Sonntagsgottesdienste." Geprägt haben ihn vor allem die jungen Geistlichen in der Zeit und sein damaliger Pfarrer Dieter Grande. Mager hat gute Leistungen in der Schule, kann aber - wie viele Katholiken - zunächst kein Abitur machen, erst mit der Berufsausbildung zum Gießereifacharbeiter.
Die Caritas hat Wolfram Mager viel zu verdanken.Foto: Cornelia Wöhl
Soziale Arbeit in stürmischen Zeiten
Wolfram Mager hat damals die Publizistik für sich entdeckt. Er schreibt, fotografiert, dokumentiert für die Betriebszeitung, beginnt ein berufsbegleitendes Studium Journalistik. Und er macht Musik, gestaltet Gottesdienste, die auch im Rundfunk übertragen werden. Dafür bekam Radio DDR sogar den ersten Preis beim Christian Radio Festival in London, was den journalistischen Ausbildern überhaupt nicht gefallen hat. "Es wurde sehr schnell deutlich, dass ich hier keine Zukunft habe." Vielleicht in der kirchlichen Publizistik? Aber sein Pfarrer war der Meinung, dass er noch eine Ausbildung benötigt. 1985 geht Mager an das Fürsorgerseminar nach Magdeburg. Nach dem Anerkennungsjahr 1989 als Dekanatsfürsorger nach Pirna, zu der Zeit, als die DDR in den letzten Zügen lag.
Der junge Fürsorger, dessen Ausbildung später über Brückenkurse in der legendären Berliner Pappelallee "nachdiplomiert" wurde, ging wie viele in Pirna und Dresden auf die Straße und demonstrierte für gesellschaftliche Veränderungen, beteiligte sich an Bürgerrechtsveranstaltungen. "Eine spannende Zeit, wir waren als Kirche gefragt, saßen an den Runden Tischen und konnten die Veränderungen mitgestalten", erinnert er sich. Es seien vor allem Chancen, neue Möglichkeiten und Freiheiten gewesen, die die Wiedervereinigung mit sich brachte. "Ich war im idealen Alter. Ich kannte das Alte noch, war aber gleichzeitig jung genug für den Aufbruch."
Unterstützung durch Partnerschaften
Mager ließ die Publizistik fallen und blieb bei der Caritas - denn die plötzlichen gesellschaftlichen Veränderungen waren auch für sie mit großen Herausforderungen verbunden. Der Aufbau sozialer Dienste oder der Verbandsstrukturen zum Beispiel wären nicht ohne Partnerschaften aus dem Westen möglich gewesen, meint Wolfram Mager, der inzwischen Geschäftsführer des Caritasverbandes Dresden ist. In seine Verantwortung fällt unter anderem die Gründung der ersten Caritas-Sozialstation im Bistum Dresden-Meißen. 1993 wechselt Mager als Leiter der Abteilung Personal zum Diözesancaritasverband und wird stellvertretender Caritasdirektor. 2022 wird er hauptamtlicher Vorstand und stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Zuvor hat er noch ein Studium der Betriebswirtschaft abgeschlossen.
Die Caritas hat Wolfram Mager viel zu verdanken. Als Mitglied in den Arbeitsrechtlichen Kommissionen hat er wesentlich dazu beigetragen, dass der "Dritte Weg" der kirchlichen Verbände weitergegangen ist und auch im Osten gefestigt werden konnte. Dazu braucht man vor allem eins: Konsensfähigkeit. Das klingt, ist aber keineswegs selbstverständlich, denn der Wind der gesellschaftlichen Veränderungen hat den Christen immer rau ins Gesicht geweht. Mager hat als Dienstgebervertreter auch die Interessen der Mitarbeiter im Blick gehabt und mit dafür gesorgt, dass die Marke Caritas attraktiv geblieben ist und bleibt. Ein großes Projekt ist die sogenannte "AVR 2027", die am 1. Januar 2027 in Kraft tritt und eine Neufassung der Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) umfasst, die ab diesem Datum für alle Mitarbeitenden in den Einrichtungen der Caritas gelten. Im wesentlichen zielt die Reform darauf ab, die AVR näher am Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes (TVöD) zu orientieren - bei diesem Reformprozess war Mager von Anfang dabei und hat ihn aktiv mitgestaltet.
Den gesellschaftlichen Diskurs fortführen
Was will er seinem Verband mitgeben? Die Caritas werde auch in Zukunft gebraucht, gerade in den sich rasant verändernden gesellschaftlichen Bedingungen. "Die Caritas muss sich weiter in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen, Anwältin der Schwachen bleiben, auch wenn sich die Formen der Arbeit verändern", sagt Mager. "Deshalb müssen wir unserem Kern treu bleiben. Jeder Mensch ist von Gott geschaffen und besitzt eine unumstößliche Würde."
So wird Wolfram Mager der Caritas verbunden bleiben. Seine Leidenschaft, die Musik, will er im Ruhestand wieder stärker aktivieren, noch etwas von der Welt sehen und reisen oder vielleicht seinen geistigen Interessen nachgehen und Angebote der Seniorenuni besuchen. Mehr Zeit wird der Vater von vier Kindern auch mit der Familie und seinen fünf Enkeln verbringen. Jedenfalls wird er nicht die Hände in den Schoß legen - am 25. Februar verabschiedet er sich von den Mitarbeitenden, am 26. Februar gibt es einen offiziellen Empfang, bei dem auch seine Nachfolgerin im Vorstand, Claudia Kokott, begrüßt wird. (as)